VER_RÜCKTE POST

Das Licht hatte ich schon vor zwei Stunden ausgeknipst, ich sollte schlafen. Mein Kopf wütet, ich liege wach und ruhe doch. Omi ist ja schon sehr tatterig, alles Neue geht spurlos an ihr vorbei, und an ehemaligen Ereignissen hält sie fest. Für sie bin ich nun wieder die kleine Milena. Deshalb habe ich – aller Vernunft zum Trotz – heute Abend meine Boots geputzt vor die Wohnungstür gestellt – Omi zuliebe.
Wie kann eine Pflegekraft, die zig Hausbesuche macht, umgeimpft zu meiner Oma kommen und sie, sowie uns der Gefahr einer Infektion aussetzen. Seit 2019 eiert die Welt mit immer neuen Erkenntnissen dieser Covid-Pandemie herum, und ein Ende ist nicht abzusehen. Ich hatte die Dame vor die Tür gesetzt und ihre Arbeitgeberin angerufen, die nur lapidar mitteilte, dass ihre Mitarbeiterinnen jeden Tag getestet würden. Immerhin. Zimtsterne ziehen an der Zimmerdecke vorbei, und es riecht nach Marzipan. Von links rollen Orangen durchs Bild.


Wilde verworrene Träume, aber schöne, habe ich vor Augen, als ich sie öffne. Es ist noch dunkel, auf dem Handy leuchtet eine Nachricht von Chris. Ein Video: Ein Weihnachtsmann fällt vom Dach auf einen Schneemann. Nicht mein Humor. Das Display zeigt 5 Uhr 30. Ich schlurfe ins Bad. Alle schlafen noch. Neugierig sehe ich nach meinen Boots. Ob Omi in der Nacht etwas hineingesteckt hat? Anstelle von Süßigkeiten entdecke ich eine Papierrolle, zusammengehalten von einem goldenen Glitzerband.
Ich lass mir einen Kaffee aus der Maschine, setze mich in die Küchennische und öffne den merkwürdigen Fund.


»Liebe Menschen,
ich kapituliere. Nichts, aber auch rein gar nichts fällt mir ein, was ich euch von mir geben könnte. Eure Ansprüche sind mir zu hoch, und in den Regalen eurer Märkte stapeln sich alle Leckereien, die man sich nur wünschen kann. Der einzigen Trumpf, den ich in eurer Welt noch besitze, ist mein Bekanntheitsgrad, auf den so mancher Influencer neidisch sein kann. So beschloss ich, euch dieses Jahr nur einen Brief zu hinterlassen.
Eure Utopien hören sich irre gut an. Inhaltlich bieten sie Stoff für viele Diskussionen. Egal, ob über Grundsicherung für alle, Tierwohl, Klimaschutz oder Lebenshilfe-Gruppen gegen jegliche Form der Diskriminierung. Egal, ob Sternchen oder Gender-Unterstrich. Weltweit seid ihr euch so ähnlich. Lokal schwanken die Prioritäten. Das Problem ist, ihr Menschen seid noch nicht so weit! Zu tief sitzt die Macht im Geld, zu hart sind die Bandagen der Wirtschaft, zu dumm sind die religiösen und politischen Postulate, zu starr eure Führungshierarchien. Zu egoistisch seid ihr Menschen selbst.«


Im Flur knarrt die Diele.»Omi?«, rufe ich vorsichtig und springe zur Tür. Da steht sie in ihrem langen Schlafhemd und versucht die Kammertür zu öffnen. »Guten Morgen, was suchst Du denn in der Kammer?«»Kammer?«, wiederholt sie und mit zittriger Stimme »Kindchen, ich will ins Bad.«Als sie wieder schläft, lese ich weiter.
»Aber der Umbruch kommt, so, wie eine Eiszeit, gigantische Katastrophen und leider Kriege. Wenn ihr Menschen Wasser zum Leben braucht, werdet ihr dafür töten. Keine Grenze, keine Mauer ist stärker als die Kraft der Verzweifelten.
Dass weder ein Ozonloch, noch eine Polschmelze politisch zu stoppen ist, habt ihr schon erlebt. Der Plastikmüll im Meer stammt aus euren Bächen, ist nicht erst gestern entstanden. Wovon redet ihr also?
Seit der Steinzeit seid ihr noch nicht einen Steinwurf weiter! Gefangene eurer eigenen Mentalität, Opfer eurer Lust.
Ihr frönt der Liebe zu den sieben Todsünden mehr denn je.«


Ein lauter Wumms unterbricht mich und die Stille des frühen Morgens. Ich eile in Omis Zimmer. Alles ist friedlich und ruhig. Ich schaue mich um. Mohrle hat es geschafft, den Adventskranz von seinem Büffet zu verjagen und liegt nun unbeteiligt in seiner kleinen Hängematte.»Klasse, Freundchen! Und ich darf es wieder richten.« Er maunzt nur, dreht sich auf den Rücken und zeigt, dass jetzt Bauchkraulen die einzige wichtige Beschäftigung für mich sei. Und Ich? Ich kraule ihn. Wie er es nur immer wieder schafft. Vielleicht schaffe ich ja endlich diesen Brief mal fertig zu lesen.


»Das Klima braucht euch nicht, ihr braucht das Klima. Da seid ihr gefragt. Warum reibt ihr euch auf und wollt Ereignissen entgegenwirken, die unabdingbar sind? Ist etwas besser geworden oder doch nur anders? Eines weiß ich jedoch gewiss: Ihr wart schon mal wesentlich humaner und sozialer! Ihr seid schwierig.
Ich dreh den Spieß um. Wünsche mir etwas von euch: Nutzt eure Fähigkeiten sinnvoll!«


Omi lässt mich keine weiteren Gedanken fassen. So gut ich kann, erledigen wir ihre Morgentoilette und setzen uns an den Küchentisch. Zum Tee nimmt sie ihre Tabletten ein und freut sich auf ihren täglichen Marmeladentaost. Jetzt ist sie in Bestform. Sie grinst spitzbübisch vor sich hin. Ich nutze den Moment – lese.
»Ach noch was, bitte, bitte lasst die Kamine in Ruhe. Legt eure Kabel und Entlüftungsrohre woanders lang. Sie behindern meine ausgeklügelte Logistik immens.
So, passt gut auf euch und das, was euch naheliegend wichtig ist, auf und vergesst meinen Wunsch nicht. Vielleicht sieht es im nächsten Jahr besser aus.
Alles Liebe
Nikolaus«


Ungläubig lese ich diese bemerkenswerte Botschaft mehrmals. Ist es wirklich so? Kann nicht sein, es gibt keinen Nikolaus, ist nur eine erfundene Werbeikone von Cola. »Kindchen, was für ein Tag ist heute?«
»Montag«, sage ich, »und Nikolaus.«
»Nikolaus? Heute oder morgen?« »Heute«.Ihre Augen werden wässrig, und ihr Gesicht drückt tiefe Enttäuschung aus.
»Was ist mit dir?«, frage ich besorgt.»Kindchen, wir haben vergessen die Stiefel rauszustellen.«
»Nein, haben wir nicht, mach dir keine Sorgen.«»War er denn schon da?«, will sie wissen. »Ich glaube schon, ich kann ja mal nachsehen gehen.« »Mach das!«, befiehlt sie mir. Ich gehe langsam aus der Küche, doch dann eile ich ins Wohnzimmer, nehme drei Orangen, schnappe einige Nüsse aus der Schale. Aus dem Papierkorb an ihrem kleinen Schreibtisch, auf dem nun mein Laptop steht, greife ich etwas Zeitungspapier und im Bad zerre ich mit dem Ring- und kleinen Finger etwas Watte aus dem Spender. Stolpere fast, da Mohrle mir zwischen die Füsse läuft. Mit dem Ellenbogen öffne ich die Tür und stopfe alles in die Boots und zupfe es zurecht. Fertig.


»Omi, er war da!«, rufe ich, wie ein begeistertes Kind, laut in die Wohnung und trage die Stiefel zum Küchentisch. Sie strahlt, und am meisten begeistern sie die Orangen.
»So schöne hatte ich ja noch nie, die schönen Sachen haben immer nur die Amis«. Wow, was für ein Tag, erst der komische Brief und jetzt ab in die Zeit nach 1945.
Es klingelt. Halbneun. Pünktlich steht eine fremde Frau vom Pflegedienst mit Maske vor der Tür und hält mir ihr Smartphone mit dem Impfzertifikat unter die Nase. »Geht doch!«, jubiliere ich innerlich. Freundlicher als die Vorgängerin wirkt sie auch.»Milena«, stelle ich mich vor. »Nicola«, erwidert sie. Omi findet, sie sei ein fesches Kind, und lässt sich sogar willig von ihr testen. Alles läuft reibungslos, und ich schaffe es rechtzeitig zur Vorlesung in die Uni.


Als ich zurückkehre, ist schon Tante Felice da, und sie essen zu Abend. Ich nehme einige Happen, die ich gegen Mohrle verteidigen muss, da ich ja noch mal los will. Die Tante erzählt voller Begeisterung, wie toll Nicola sei, ein echtes Nikolausgeschenk. Da fällt mir wieder der merkwürdige Brief ein, und egal ob es ein Streich ist oder nicht, ich rolle ihn zusammen, ziehe meine Boots an und stiefle zu meinem neuen Freund.

»Ich glaub es ja nicht, Du depressiver Depp!« »Mein Gott, ich musste als Ungeimpfter, und Trottel der Gesellschaft, mal meinen Coronafrust raus lassen. Ich kann nichts für meine MS. Ich fand’s lustig.« »Lustig? Dieses dystopische Pamphlet, du tickst nicht richtig.« »Och, da hättest du mal die erste Version lesen sollen.« »Urkundenfälschung, dafür kommst du vors Jüngste Gericht!« »Hallo, mein Zweitname?« »Wie bitte?« »Christoph Nikolaus Alexander Klimkowsky!«
Ich haue ihm die Papierrolle mehrmals auf den Kopf, er greift mich. Wir fallen vor Lachen auf die Couch.

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