Prosa

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KRIEG UND FRIEDEN

Leo Tolstoi hat mit seinem Werk »Krieg und Frieden«, an dem er von 1863 bis 1869 schrieb und feilte, schon alle Befindlichkeiten des Irrsinns erfasst. Stefan Zweig führte die enorme Wirkung des Romans darauf zurück, dass „die Sinnlosigkeit des Ganzen (des Krieges) sich in jeder Einzelheit spiegelt“, dass „der Zufall hundertmal entscheidet statt der Berechnung“ der klugen Strategen. (Quelle: wikipedia.org)

Verlogen, verleumdend, verschweigend, verratend ist der Protagonist in einem Krieg. Kinder werden gezeugt, während Töchter und Söhne in den Tod getrieben werden. Alle irrationalen Reaktionen kommen zur Geltung. Ich behaupte sogar: Jegliche moralischen Feinjustierungen schlagen in grobes Verhalten um.

Der Kopf kann den Einflüssen der Informationen nicht mehr logisch folgen. Meiner analysiert sich in die Ohnmacht. Fetzen von Eindrücken zerschellen, zerbersten Gedanken bevor diese sich zu einer nachvollziehbaren Handlung formieren lassen. Schwere Leere erfüllt das nicht Fassbare. Wut kreischt mit Sorgen erregender Angst um die Wette. Was ist die richtige Haltung? Wie entscheide ich und zu welchem Wohl? Welche Rechte sind noch gültig? Ist Egoismus die letzte Überlebensstrategie?

Die Nation ist gespalten. Angriff oder Deeskalation? Wer kann die Folgen erkennen? Von Wissen wollen wir gar nicht reden. Wer muss unser Handeln verantworten? Was bürden wir wem auf? Wird unsere Moral zur Falle? Ist die Natur mit ihrer Kompromisslosigkeit nicht enorm im Vorteil? Es gibt Raubtiere und Fluchttiere. Klare Regeln, wie: Die Großen fressen die Kleinen, oder der Stärkere gewinnt. Viele Arten haben sich in einer langen evolutionären Kette so entwickelt, dass der Aggressor nie alle ausrotten kann.

Wie steht es mit uns?
Es ist moralisch okay, dass jemand Schlangen liebt. Schwieriger wird es, wenn Lotta sieht, wie ihr süßer, geliebter Puschelhase mit den schönen Knopfaugen verfüttert wird. Es ist okay, wenn das saftige Steak auf dem Teller sich von Gabeldornen und Messerklinge zart rosa zur Gaumenfreude zerteilen lässt. Tierhaltung, quälende Transporte? Klar, ein unleidiges Thema, aber, wer Fleisch essen will, muss damit klarkommen. ›Wer Fleisch essen will müsste seine Beute selbst schlachten. Wer das kann, darf es auch essen!«, lautet eine Forderung der Tierschützer. Verwegen oder richtig?

Was ist überhaupt los mit uns?
Wir verschwenden die Ressourcen der Welt für Firlefanz, Dinge aus Plastik, die in Regalen lungern, bis sich jemand erbarmt, diesen Schrott als Deko-Geschenk der Tante zum Geburtstag zu präsentieren, die fortan nun mit einem Staubwedel aus ähnlichem Plastik den Glanz der Verlegenheitsanerkennung zu bewahren versucht, und bei Besuch das hässliche Teil mit den Worten: »Das hat mir meine Nichte geschenkt« verteidigt. Aber es ist toll, dass die Kleine sich so sehr für die Umwelt einsetzt und bei ›Fridays for Future‹ mit demonstriert.
Verwerflich oder gut?

Wie handeln wir eigentlich?
Aluminium, die Herstellung ist tödlich und das Gift für die Natur nicht reversibel, benötigen wir für die ehrwürdige Auto- und jetzt boomende Fahrradindustrie und zum Einwickeln von Döner, Fast-Food und anderen Lebensmitteln. Wir spinnen! Ohne Erdöl würden wir alle jetzt nackt hier sitzen, da unsere Textilien mit Stoff nichts mehr gemein haben. Die Chemie und der menschliche Erfindergeist sind eine ungute Synergie eingegangen. Ich darf das behaupten – ich habe sie studiert. Jede Nagelfeile, die nicht aus Metall gefertigt ist, gehört verboten. Nylon, Outdoor-Bekleidung – alles Horror für die Natur! Aber das tragen wir, wenn wir gegen die Klimakatastrophe demonstrieren und uns per Sozialmedien gegenseitig von Smartphone zu Smartphone informieren. Die Herstellung der meisten Güter, die wir schätzen und ohne die uns ein Leben nicht vorstellbar wäre, sind Produkte unseres Untergangs. Produkte, für die wir sogar töten.
Wahr oder unwahr?

Warum bekriegen wir uns also?
Weil wir das Leben lieben, so wie wir es uns erschaffen haben. Weil wir gegen jede Vernunft agieren und noch nie fähig waren, trotz aller Empathie und löblicher Moral echte Gleichberechtigung zu leben. Wäre auch gegen die Gesetze der Natur. Seht: Der eine liebt es, zum Fussball ins Stadion zu gehen, der andere, zu Hause in Ruhe ein Buch zu lesen. Beide verstehen die Belange des anderen nicht wirklich, sind aber bereit, ihn gewähren zu lassen. Beide essen, baden und verbrauchen mit allem, was sie tun, die selben Ressourcen. Der eine mehr von dem, der andere mehr von dem. Das Land, in dem sie leben, ein Land wie Deutschland, bietet ihnen beiden glücklicherweise die Möglichkeiten. Beide sparen, so gut es geht, fürs Alter und leisten sich ab und an etwas, was sie erfreut. Beide gehören zu den 78 Prozent, die unter dem Durchschnittsverdienst leben, was kein Kunststück ist. Aber trotzdem räkeln sie sich immer noch im Luxus im Vergleich zu anderen Ländern.

In anderen Ländern verhungern Kinder, das wissen beide. Wir hier auch. Alle wissen sowieso, dass es viel Leid und Elend auf der Welt gibt. Auch haben wir gehört, dass wegen der Einhaltung der Börsenkurse etliche Tonnen Lebensmittel sinnlos vernichtet werden und Korruption in vielen Ländern als Kavaliersdelikt geduldet wird, so wie Vergewaltigungen zur Tagesordnung gehören. All das machen die beiden nicht, sie sind soweit anständig, sie tangiert es nur peripher. Ausserdem sind oft die Kulturen und Religionen oder die verschiedenen Staatsformen in den anderen Ländern die Auslöser, und deshalb an diesem abartigen barbarischen Handeln schuld. Die schlimmste Regierung ist für sie die Diktatur. Dann folgen die Autokraten und die Millitärhuntas. Oder doch die Religionsführer?

Egal! Es wechselt sowieso andauernd. Allerdings wissen sie eh nur von wenigen Ländern, wie diese geführt werden. Es kommt auf den Fokus der Nachrichten an, die einen erreichen. Zudem ist es auch wenig relevant für ihr Leben. Alltagssorgen, Behördenbriefe, Steuererklärungen und Liebesdinge halten sie auf Trapp. Ewig bemüht, die selbst entschiedenen Wege auf Spur zu halten und mit den offensichtlich richtigen Taten zu unterfüttern. Lernen was es heißt: »Das Leben ist kein Ponyhof« und den Umgang mit Verwandten, Freunden und Bekannten in der gerade passenden Form pflegen, das erfüllt sie.
Tagein, tagaus.

Nicht zu unterschätzen ist der zeitraubende Umgang mit Suchtmitteln, noch beschwerlicher, aber auch reizvoller, wenn die Droge als illegal gilt. Dazu könnten Lesefreund und Fußballfan unterschiedliche Weltanschauungen hegen. Vielleicht sitzen sie ja mal in irgendeiner Kneipe am Tresen zufällig nebeneinander und kommen dadurch ins Gespräch und stoßen auf dieses Thema – an.

Ich glaube eher nicht, und wenn, würden die beiden sich über den Irrwitz der Regierungen mit ihren nicht nachvollziehbaren Corona-Bestimmungen unterhalten – oder gleich über den Krieg in der Ukraine herziehen.

Oh, oh – jetzt ist das böse Wort gefallen: Ukrainekrieg!

Krieg in Europa, Krieg direkt vor der Haustüre, Krieg der Werte. Diktatur gegen Demokratie. Kommunismus gegen Kapitalismus. Osten gegen den Westen.
Der Russe schießt die NATO in einen Konflikt.
Putin als Stalins Erbe will das Zarenreich wieder vereinen. Wie grotesk.Wir sind verblüfft. Zwischen all den Papieren für die Steuererklärung jetzt auch noch das. Wobei, endlich mal wieder was los, was anderes als immer nur diese Impfdebatten.

Ach ja, Putin ist ein schlimmer Finger, erst wie Erdogan, dann wie Assad und jetzt wie Hitler. Mit Xi Jinping wurde er noch nicht verglichen, vielleicht, weil der sich zu intelligent verhält. Und mit Kim Jong Un erst recht nicht, denn den nehmen alle Regierungschefs nicht wirklich ernst.

Aber wir haben entgegen aller Entrüstung ein Faible für Schlächter. Erst David, der von Gott befohlene, der Jerusalem erobert, nachdem er als Räuber mit seinen Schergen wenig christlich handelte. Alexander der Große, so klein wie Napoleon, aber wenigstens doppelt so schlimm. Hannibal, der die Römer derart abschlachtete, dass er sich nach langer Flucht nur noch durch Suizid entziehen konnte.
Von römischen Kaisern der Antike bis hin zu unsrigen Herrschern, die sich als deutsch-römische Könige und Kaiser, in Aachen, Frankfurt oder Regensburg zum Teil selbst wählten, wissen unsere neueren Geschichts-bücher, das sie Weltmeister im Konflikteschüren waren.
Denken wir an die Kreuzzüge: Europäer, die im Namen Gottes plündernd und mordend bis Jerusalem zogen. Beim dritten Kreuzzug ertrank der Staufenkaiser Barbarossa in einem heute türkischen Fluss, als er unspektakulär einfach vom Pferd fiel, da kehrten alle um.
Aber die Päpste missbrauchten weiterhin die Kreuzritter, als wären sie ihre eigene Armee, auch wenn das Ziel schon lange nicht mehr Jerusalem hieß.

Wir widmen Massenmördern Lieder, Sagen, Epen, Denkmähler. Von Dschingis Khan bis Mao Tse-tung, von untersetzten jähzornigen Wichten bis hin zu großen gestörten Versallen, die blind ihren Führern dienten. Mit dem Sturm auf die Bastille begann 1789 die Französische Revolution. Eine weitere gnadenlose Schlächterei, aber die Ideen über und die Belange nach Freiheit schwappten nicht nur aufs andere Rheinufer, auch in die, bis dato bayrische Rheinpfalz.

Etliche kleine Ereignisse mündeten im Hambacher Fest und die Demokratie streckte fortan vorsichtig ihre Fühler aus. Komisch nur, dass es dann richtig schepperte, der Erste Weltkrieg wurde ausgelöst, weil ein Typ namens Alexander ermordet wurde und erst mit dem Versailler Vertrag beendet, so dass der Gründung der Weimarer Republik nichts im Weg stand.

Von 1918 bis 1932 hielt sich ein chaotischer Zustand und zack, freigewählt war Tunichtgut Hitler an der Macht. Warum denke ich gerade an Orban, Erdogan und Assad? Adolf, ein brutales Arschloch vor dem Herren. Und wir wissen – ja, ein Arschloch kommt selten allein. Ein Überfall auf eine Radiostation war seine Offährte zum Kriegseintritt. Danach war bisschen mehr kaputt und viele Menschen unverzeihlich vergewaltigt, abgeschlachtet, ermordet – viele mit Gas.

Alliierte kamen und siegten mit ihren Waffen, die weitere Tote erzeugten, aber die waren die Guten. Bejubelt, wie die russischen Befreiungskämpfer in der Ukraine es gerne gehabt hätten.
Und dann? Wiener Abkommen – Ruhe, fast Frieden.

Okay, es brauchte etwas Diplomatie, aber letztendlich war es bei uns in den letzten Jahrzehnten doch recht heimelig. Und im Rest der Welt?

Japan, USA, Vietnam, Korea, China, etliche afrikanische Staaten, Israel und die Palästinenser ein Dauerfeuer, sowie Jemen, das feisteste Stellvertretergemetzel zwischen Iran und Saudis. Ach, was war das mit dem Shah in Persien? Als er noch war, war es nicht perfekt, also musste er weg und jetzt: Schlimmer geht immer!
Und ist Jugoslawien einfach aus Spaß verschwunden?

Seit ich nur lebe, haben über 40 Kriege stattgefunden und aktuell sind es 23 unter diesem Firmament.

Meine Güte, was ist los? Worum geht es? Um Geld, um Rohstoffe und ums Rechthaben. Unsere Gerichte werden blockiert, zu 60% beschlagnahmt von dusseligen Nachbarschaftstreits oder ähnlichen Klein-Klein-Kriegen.

Der Mensch ist einfach blöd, drum funktioniert das mit dem Krieg und die, die für Frieden sind, scheinen immer noch in der Unterzahl zu sein, zu passiv, zu pazifistisch oder nur zu leise. Vielleicht haben sie die falsche Lobby: »Frieden schaffen ohne Waffen!« Hört sich nicht gerade nach ’nem Verkaufsschlager an. Ist eher so ’ne Sache ohne Dividende. Dabei wäre es eine echte Win-Win-Strategie. Naja, wir wissen ja schon seit Jahren: Solche dummen, einfältigen Ideen werden einfachmal von den Stärkeren weggeputzt. Und überhaupt: Du kannst nicht mit dem Finger auf den Aggressor eines Krieges zeigen und gleichzeitig dein Kind backpfeifen.

Ich wollt mich ja zu Krieg und Frieden äußern. Jetzt ist durch lauter Dominanz des Krieges der Frieden etwas zu kurz gekommen.
Aber ja! Genau so ist es. Jeder will Frieden, keiner will Krieg – aber dominiert werden wir von …

Wenn ich Frieden suche, finde ich ihn nur in meiner kleinen Welt und auch da rumpelt es ab und an. Somit schließe ich mit einer bewährten Floskel:
»Gehet hin in Frieden!«

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VER_RÜCKTE POST

Das Licht hatte ich schon vor zwei Stunden ausgeknipst, ich sollte schlafen. Mein Kopf wütet, ich liege wach und ruhe doch. Omi ist ja schon sehr tatterig, alles Neue geht spurlos an ihr vorbei, und an ehemaligen Ereignissen hält sie fest. Für sie bin ich nun wieder die kleine Milena. Deshalb habe ich – aller Vernunft zum Trotz – heute Abend meine Boots geputzt vor die Wohnungstür gestellt – Omi zuliebe.
Wie kann eine Pflegekraft, die zig Hausbesuche macht, umgeimpft zu meiner Oma kommen und sie, sowie uns der Gefahr einer Infektion aussetzen. Seit 2019 eiert die Welt mit immer neuen Erkenntnissen dieser Covid-Pandemie herum, und ein Ende ist nicht abzusehen. Ich hatte die Dame vor die Tür gesetzt und ihre Arbeitgeberin angerufen, die nur lapidar mitteilte, dass ihre Mitarbeiterinnen jeden Tag getestet würden. Immerhin. Zimtsterne ziehen an der Zimmerdecke vorbei, und es riecht nach Marzipan. Von links rollen Orangen durchs Bild.
Wilde verworrene Träume, aber schöne, habe ich vor Augen, als ich sie öffne. Es ist noch dunkel, auf dem Handy leuchtet eine Nachricht von Chris. Ein Video: Ein Weihnachtsmann fällt vom Dach auf einen Schneemann. Nicht mein Humor. Das Display zeigt 5 Uhr 30. Ich schlurfe ins Bad. Alle schlafen noch. Neugierig sehe ich nach meinen Boots. Ob Omi in der Nacht etwas hineingesteckt hat? Anstelle von Süßigkeiten entdecke ich eine Papierrolle, zusammengehalten von einem goldenen Glitzerband.
Ich lass mir einen Kaffee aus der Maschine, setze mich in die Küchennische und öffne den merkwürdigen Fund.


»Liebe Menschen,
ich kapituliere. Nichts, aber auch rein gar nichts fällt mir ein, was ich euch von mir geben könnte. Eure Ansprüche sind mir zu hoch, und in den Regalen eurer Märkte stapeln sich alle Leckereien, die man sich nur wünschen kann. Der einzigen Trumpf, den ich in eurer Welt noch besitze, ist mein Bekanntheitsgrad, auf den so mancher Influencer neidisch sein kann. So beschloss ich, euch dieses Jahr nur einen Brief zu hinterlassen.
Eure Utopien hören sich irre gut an. Inhaltlich bieten sie Stoff für viele Diskussionen. Egal, ob über Grundsicherung für alle, Tierwohl, Klimaschutz oder Lebenshilfe-Gruppen gegen jegliche Form der Diskriminierung. Egal, ob Sternchen oder Gender-Unterstrich. Weltweit seid ihr euch so ähnlich. Lokal schwanken die Prioritäten. Das Problem ist, ihr Menschen seid noch nicht so weit! Zu tief sitzt die Macht im Geld, zu hart sind die Bandagen der Wirtschaft, zu dumm sind die religiösen und politischen Postulate, zu starr eure Führungshierarchien. Zu egoistisch seid ihr Menschen selbst.«


Im Flur knarrt die Diele.»Omi?«, rufe ich vorsichtig und springe zur Tür. Da steht sie in ihrem langen Schlafhemd und versucht die Kammertür zu öffnen. »Guten Morgen, was suchst Du denn in der Kammer?«»Kammer?«, wiederholt sie und mit zittriger Stimme »Kindchen, ich will ins Bad.«Als sie wieder schläft, lese ich weiter.
»Aber der Umbruch kommt, so, wie eine Eiszeit, gigantische Katastrophen und leider Kriege. Wenn ihr Menschen Wasser zum Leben braucht, werdet ihr dafür töten. Keine Grenze, keine Mauer ist stärker als die Kraft der Verzweifelten.
Dass weder ein Ozonloch, noch eine Polschmelze politisch zu stoppen ist, habt ihr schon erlebt. Der Plastikmüll im Meer stammt aus euren Bächen, ist nicht erst gestern entstanden. Wovon redet ihr also?
Seit der Steinzeit seid ihr noch nicht einen Steinwurf weiter! Gefangene eurer eigenen Mentalität, Opfer eurer Lust.
Ihr frönt der Liebe zu den sieben Todsünden mehr denn je.«


Ein lauter Wumms unterbricht mich und die Stille des frühen Morgens. Ich eile in Omis Zimmer. Alles ist friedlich und ruhig. Ich schaue mich um. Mohrle hat es geschafft, den Adventskranz von seinem Büffet zu verjagen und liegt nun unbeteiligt in seiner kleinen Hängematte.»Klasse, Freundchen! Und ich darf es wieder richten.« Er maunzt nur, dreht sich auf den Rücken und zeigt, dass jetzt Bauchkraulen die einzige wichtige Beschäftigung für mich sei. Und Ich? Ich kraule ihn. Wie er es nur immer wieder schafft. Vielleicht schaffe ich ja endlich diesen Brief mal fertig zu lesen.


»Das Klima braucht euch nicht, ihr braucht das Klima. Da seid ihr gefragt. Warum reibt ihr euch auf und wollt Ereignissen entgegenwirken, die unabdingbar sind? Ist etwas besser geworden oder doch nur anders? Eines weiß ich jedoch gewiss: Ihr wart schon mal wesentlich humaner und sozialer! Ihr seid schwierig.
Ich dreh den Spieß um. Wünsche mir etwas von euch: Nutzt eure Fähigkeiten sinnvoll!«
Omi lässt mich keine weiteren Gedanken fassen. So gut ich kann, erledigen wir ihre Morgentoilette und setzen uns an den Küchentisch. Zum Tee nimmt sie ihre Tabletten ein und freut sich auf ihren täglichen Marmeladentaost. Jetzt ist sie in Bestform. Sie grinst spitzbübisch vor sich hin. Ich nutze den Moment – lese.


»Ach noch was, bitte, bitte lasst die Kamine in Ruhe. Legt eure Kabel und Entlüftungsrohre woanders lang. Sie behindern meine ausgeklügelte Logistik immens.
So, passt gut auf euch und das, was euch naheliegend wichtig ist, auf und vergesst meinen Wunsch nicht. Vielleicht sieht es im nächsten Jahr besser aus.
Alles Liebe
Nikolaus«


Ungläubig lese ich diese bemerkenswerte Botschaft mehrmals. Ist es wirklich so? Kann nicht sein, es gibt keinen Nikolaus, ist nur eine erfundene Werbeikone von Cola. »Kindchen, was für ein Tag ist heute?«
»Montag«, sage ich, »und Nikolaus.«
»Nikolaus? Heute oder morgen?« »Heute«.Ihre Augen werden wässrig, und ihr Gesicht drückt tiefe Enttäuschung aus.
»Was ist mit dir?«, frage ich besorgt.»Kindchen, wir haben vergessen die Stiefel rauszustellen.«
»Nein, haben wir nicht, mach dir keine Sorgen.«»War er denn schon da?«, will sie wissen. »Ich glaube schon, ich kann ja mal nachsehen gehen.« »Mach das!«, befiehlt sie mir. Ich gehe langsam aus der Küche, doch dann eile ich ins Wohnzimmer, nehme drei Orangen, schnappe einige Nüsse aus der Schale. Aus dem Papierkorb an ihrem kleinen Schreibtisch, auf dem nun mein Laptop steht, greife ich etwas Zeitungspapier und im Bad zerre ich mit dem Ring- und kleinen Finger etwas Watte aus dem Spender. Stolpere fast, da Mohrle mir zwischen die Füsse läuft. Mit dem Ellenbogen öffne ich die Tür und stopfe alles in die Boots und zupfe es zurecht. Fertig.


»Omi, er war da!«, rufe ich, wie ein begeistertes Kind, laut in die Wohnung und trage die Stiefel zum Küchentisch. Sie strahlt, und am meisten begeistern sie die Orangen.
»So schöne hatte ich ja noch nie, die schönen Sachen haben immer nur die Amis«. Wow, was für ein Tag, erst der komische Brief und jetzt ab in die Zeit nach 1945.
Es klingelt. Halbneun. Pünktlich steht eine fremde Frau vom Pflegedienst mit Maske vor der Tür und hält mir ihr Smartphone mit dem Impfzertifikat unter die Nase. »Geht doch!«, jubiliere ich innerlich. Freundlicher als die Vorgängerin wirkt sie auch.»Milena«, stelle ich mich vor. »Nicola«, erwidert sie. Omi findet, sie sei ein fesches Kind, und lässt sich sogar willig von ihr testen. Alles läuft reibungslos, und ich schaffe es rechtzeitig zur Vorlesung in die Uni.


Als ich zurückkehre, ist schon Tante Felice da, und sie essen zu Abend. Ich nehme einige Happen, die ich gegen Mohrle verteidigen muss, da ich ja noch mal los will. Die Tante erzählt voller Begeisterung, wie toll Nicola sei, ein echtes Nikolausgeschenk. Da fällt mir wieder der merkwürdige Brief ein, und egal ob es ein Streich ist oder nicht, ich rolle ihn zusammen, ziehe meine Boots an und stiefle zu meinem neuen Freund. »Ich glaub es ja nicht, Du depressiver Depp!« »Mein Gott, ich musste halt auch mal meinen Coronafrust raus lassen. Ich fand’s lustig.« »Lustig? Dieses dystopische Pamphlet, du tickst nicht richtig.« »Och, da hättest du mal die erste Version lesen sollen.« »Urkundenfälschung, dafür kommst du vors Jüngste Gericht!« »Hallo, mein Zweitname?« »Wie bitte?«»Christoph Nikolaus Alexander Klimkowsky!« Ich haue ihm die Papierrolle mehrmals auf den Kopf, er greift mich. Wir fallen vor Lachen auf die Couch.

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HANSENS VERSUCH

„Eigentlich hab ich’s versucht!“, sagte Hansen am Telefon. Energisch versuchte er seinem Gegenpart, via Satellit seine aufrichtigen Bemühungen klar zu machen. Als er auflegte, hatte er nicht das Gefühl, dass seine Gesprächspartnerin ihm wirklich glaubte. Ihre letzten Worte hatte sie so geschickt gewählt, dass sie zwar keinen deutlichen Zweifel hegte, und dennoch weit weg von einer klaren Zustimmung war.

Wie oft in seinem Leben hatte er schon solche schwammigen Reaktionen ertragen. Wie oft hatten genau dererlei, unbefriedigend verlaufende Gespräche genervt. Er hasste die Menschen dafür. Egal ob er sich mit ihnen über behördliche Belange oder private Angelegenheiten auseinandersetzen musste.

Wie viele sinnlose Zeit hatte er seines endlichen Lebens damit schon verschwendet? Was hätte er alles in diesen verlorenen Stunden produktives erringen können? Das nervte ihn am meisten. Dieses Hamsterradverhalten, das auf sein Konto schlug. Es war ihm klar, dass er in seiner Position immer zur Opposition gehöre, und warten muss bis die Gegenseite sich bemüht mal zu agieren. Das kostet Zeit, seine Zeit! Wenn die nichts besseres mit diesem wertvollen Gut erwerben wollen, als dass man auf sie warte, dann sei es deren Problem und sie könnten dies auch gerne ein Leben lang so treiben, aber nicht mit ihm.

Er hatte es satt seine Zeit in solche gierenden Rachen zuschmeißen, seine Zeit in derartigen Bodenlosigkeiten zu versenken. Seine Zeit wurde von Sekunde zu Sekunde wertvoller, weil sie abnahm und er doch noch so vieles zu Wege bringen wollte.

Sein größter Zeitfresser war seine Gutmütigkeit. Nie konnte er Nein sagen. Das nervte ihn an ihm. Doch wolle er seine Gutmütigkeit niemals aufgeben, auch wenn er schon viel Lehrgeld dafür zahlte oder für seinen Einsatz nicht einmal ein Danke erhielt. Gar manchmal kam er wegen ihr in echte Nöte, doch es galt: Die Gutmütigkeit wird nicht zum Basar getragen. Die bleibt!

Er solle endlich einmal mehr an sich denken, endlich mal sich um sich selbst kümmern. Nicht immer alles für andere opfern. Das tat er wahrlich zu oft, und eben dies kostete seine Zeit. Er war nie einer der sich in den Vordergrund stellte, doch nun musste er sich etwas einfallen lassen. Er musste handeln.

Nach unruhiger Nacht erwachte er – naß vom Schweiß. Eine Zeitmaschine war zum Monster mutiert und hatte ihn vor den letzten Tag seines Lebens katapultiert. Er wollte nicht resignieren, er wollte so viel, wie es nun in diesem bemessenen Zeitraum noch möglich war, erledigen. Doch dann schlugen die himmlischen Glocken. Er verzweifelte.

Der Wecker war aus und er sammelte sich. Von nun an war ihm klar, dass er sich auf sich konzentrieren müsse, wolle er nicht unverrichteter Dinge aus seinem Leben gehen. So entschied er, alles zu überdenken und alles von einem anderem Standpunkt aus zu betrachten. Dann legte er los.

Es dauerte eine Woche bis er morgens so weit war, dass er als erstes sich fragte, was ihm wichtig ist. Mit dem Ergebnis konnte er leben. Bald merkte er, dass auch noch etwas Zeit über blieb. Diese nutzte er, um der einen oder dem einen und sogar noch andere zu unterstützen. Jetzt wo seine Zeit ihm gehörte kam sie ihm angenehm und flexibel vor. Er nahm sich Zeit, nutzte sie um seine Projekte zu konkretisieren. Er verlor keinen Augenblick um seine Ziele zu erreichen. Immer tiefer glitt er in seine Welt, in der er nun der Herr seiner Zeit war. Fasziniert und mit dem Gefühl schon so viel Zeit für Banales verloren zu haben, steigerte er sich immer emsiger in seine Pläne. Bald schlief er kaum und ernährte sich nur sporadisch. Aus dem einstigen Hamsterrad wurde nun ein Sog, ein Strudel der ihn mitriss.

Eines morgens wachte er in einer fremden Umgebung auf. Es war dunkel und doch hörte er die Menschen reden. Dann vernahm er ein Geräusch als klatschte etwas über ihn auf Bretter. Er fühlte dass er nur wenig Bewegungsfreiheit hatte und tastete mit seinen Fingerspitzen die Umgebung ab, so gut es ging. Allem Zweifel zum Trotz, er lag in einem Sarg. Mit aller Kraft bäumte er sich auf und schrie wie ein wundes Tier. Das Holz zerbarst und ein gleißender Lichtschein blitzte auf.
Fix und fertig war er und quälte sich, um auf seiner Bettkante zu sitzen. Sein Atem raste noch, dann viel der Schock von ihm ab.

Seine Augen blickten in die Sonne die mit aller Kraft auf sein Bett strahlte. Wie lange war er nicht mehr draußen gewesen, wie lange hatte er eigentlich ignoriert das Sommer war? Er wußte es nicht.

Erneut geläutert setzte er Kaffee auf und während das Wasser mit blubbernden und fauchenden Tönen das Getränk zubereitete, schmierte er sich ein Brot. Die Butter war ranzig, die Marmelade schimmelte farbenfroh und die Käsescheiben waren hart. Er nahm den Kaffee, kaute abwechselnd auf dem Brot und dem Käse und fasste sich an den Kopf. Nach und nach wurde ihm klar, dass er noch mal etwas an sich ändern müsse, wenn er nicht wollte, dass er auf seine Urne folgenden Satz eingravieren sollte:

„Eigentlich hab ich’s versucht!“

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ERICHS GROSSER TAG

Es ist zugig in der Straße, es fröstelt ihn. Tagsüber hatte die Sonne über der Stadt gestanden und die Mauern, sowie Gemüter erwärmt. Mit der Sonne um die Wette hatte auch seine gute Laune gestrahlt, den ganzen Tag. Doch jetzt ist er niedergeschlagen, weis nicht, wohin mit sich selbst. Es gibt nur noch ein Ziel für ihn: seine Bar.

Yvonne war heute mit dem Flieger in Tegel gelandet. Er hatte mit Rosen am Gate gestanden. Es hatte die Sehnsucht in ihm gepocht, er hatte sich toll gefühlt, unbesiegbar und gleichzeitig wie ein Kind, das sich auf Heilig Abend freut.

Die Anzeige, dass der Flug aus Zürich gelandet sei, hatte ihn immens erleichtert. Jede Bewegung, die hinter der großen Glastür des Ankunftsbereichs stattgefunden hatte, hatte er aufmerksam beobachtet. Dann hatte er sie entdeckt. Seine Prinzessin. Seinen Traum. Wild hatte er mit den Blumen geschwenkt, die sofort einige Blütenblätter abgeworfen hatten. Sie jedoch hatte Ihn nicht wedeln sehn – noch nicht, so hatte er sich selbst beruhigt.


Während er, von der U-Bahn kommend, rechts in die Grünberger Straße abbiegt, hält er unbewusst inne, an einer dieser brusthohen, grauen Installationen bleibt er apathisch stehen. Er stützt seine Ellenbogen auf den von Plakaten und TACs versehenen Kasten und senkt sein Gesicht in die Hände. Sein Gehirn scheint ihm einen Streich zu spielen, denn es setzt ihn direkt in die unbegreiflichen Ereignisse des Tages zurück. Wie in Trance erlebt er sich selbst aus der Vogelperspektive.

Er sah, wie das Trennglas sich öffnete, und sie heraustrat. Wie er stolperte – über diesen beschissenen Gepäcktrolli – und wie er im Sturz die gesamte Ladung herunterriss. Als er wieder auf den Füßen stand, war – war sie weg. Er lief sofort zu den Taxen. Er sah sie nicht. Er lief zu seinem Auto, doch auch das war weg. Er wollte nicht darüber nachdenken, er wollte doch nur endlich sie sehen. Um sein Ziel zu erreichen, sprang er selbst in eine der Taxen: „Charlottenburg – Knesebeckstraße, bitte“, hechelte er. Sein nächster Satz war: „Hier können sie mich rauslassen“. Jetzt sah er, wie er rannte, zu einer reich verzierten Tür, dem Portal seines Glücks, und klingelte.

Der Summer reagierte, und schon war er im vierten Stock, prustend dem siebten Himmel nah. Ihm stockte der Atem, und die Rosen zeigten, was er durchgemacht hatte.

Erich steht immer noch in der selben Haltung. Er ist so tief in sein Dilemma versunken, dass alles um ihn herum, wie surreale Ereignisse, an ihm vorbeizieht. Nicht einmal als er von einer Gruppe angetrunkener Hippsters angesprochen wird, reagiert er.

Er hörte nur, wie Yvonne ihn fragte: „Wo kommst du denn her?“ Auch durchströmte ihn das erleichternde Gefühl, das er verspürt hatte, als er ihr seine Geschichte erzählt hatte. „Das ist mir jetzt unangenehm, aber ich hatte ja nicht mit dir gerechnet“, hatte sie darauf nur kommentiert und dann vorgeschlagen: „Lass uns ins Terzo Mondo gehen. Ich habe auch einiges, was ich dir berichten möchte.“ Wie gesagt, so getan. Die Vorspeise hatte sich zwischen Wiedersehensgeplänkel mitgeteilt, doch beim Hauptgang war ihm der Bissen im Hals stecken geblieben. Da waren sie wieder, diese ihn schier ersticken lassenden Schluckbeschwerden, diese ohnmächtigen Momente, in denen Atemnot einen zum Kollaps treiben will, während sie frei und ergriffen von ihren neuen Plänen erzählte: Sie zöge in die Schweiz auf eine Alm und würde ihre Wohnung untervermieten. Ein Kindheitstraum erfüllte sich ihr endlich, und das alles mit einem tollen Mann, der sich aus der gehobenen Gastronomie zurückgezogen hätte. Angus oder Galloway Rinder wollte sie mit ihm züchten.

„Heidi und der Ziegenpeter“ und „Bauer sucht Frau“ schießt es ihm durch den Kopf und er sieht, wie ein riesiger Bulle diesen Lover niederreisst und mit seinen Hörnern aufspiest und über die Alm schleift bis er grausig zerflettert den Tod findet.

Auf die Hörner genommen hatte er sich gefühlt, als der Schmerz dieser Hiobsbotschaft ihn durchdrang. „Mensch, hast du ein Glück, das gönne ich dir von Herzen“, hatte er sich, wie aus anderen Galaxien kommend, stammeln gehört.

Verzweifelt und wütend auf sich prügelte Erich nun mit Fäusten und Knien auf das graue Teil ein, das ihm bis eben noch Stütze gewesen ist. Es springt auf, und gelbe Postkisten mit Briefen fallen heraus. Ein Chaos, wie er es in seinem Kopf verspürt, liegt nun zu seinen Füßen. Er schreit wie ein waidwundes Tier, rennt die Straße lang. Nach einigen Metern denkt er nicht mehr an die im Straßendreck liegenden Botschaften. Er erinnert sich nur, wie feige und erbärmlich er sich aus der Situation gerettet hat.

„Oh Mist, ich muss ja noch los, hab mich noch mit Tom verabredet. Sei mir nicht böse.“ so oder so ähnlich hatte er allen Ernstes gesagt. Artig die Rechnung beglichen, um dann mit den Tränen kämpfend, mit der U-Bahn zur Warschauer Straße zu fahren.

Jetzt stand er hier, kurz vor seine Bar. Der Platz, von dem er sich erhoffte, Geborgenheit und Ruhe zu finden. Mit geistigen Mixturen den eigenen Geist einfangen, beruhigen, notfalls vernebeln. Hauptsache dieser vulkanische Alptraum erlischt. Er steht vor der Tür, atmet noch einige Male tief durch und tritt ein.

Der Barmann grüßt ihn, stellt wie üblich einen Old Fashioned vor Erichs Nase und fragt: „Na Erich, was war bei dir den heute los?“ Erich leert den Drink in einem Zug, schaut den Barkeeper eine Weile stier an. Zeigt ihm, dass er noch einen will. Der Barmann reagiert sofort und stellt kurz darauf einen neuen Drink hin. Wieder schluckt Erich den Klassiker ohne abzusetzen hinunter. Dann antwortet er: „Bin bedient“, es folgt eine Pause, bevor er fortfährt: „Mir haben sie in Tegel das Auto abgeschleppt.“

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HOMMAGE ZWISCHEN, AN UND UM
HEINZ ERHARDT UND EUGEN ROTH

Oder: „Bäume, Bäume nichts als Bäume und dazwischen Zwischenräume und dahinter man glaubt es kaum, noch ein Baum – genug das ist der Lauf der Welt“

einer ist keiner und keiner ist weniger als einer alleine, alleine ist der einsame, der sucht das zweisame, driftet durch zeit und raum sitzt unter dem baum und träumt, trifft in sich exakt das leere, entleert den odem oder lehrt sich eines besseren und bäumt sich auf – weltenlauf besehend, nichts verstehend der inneren unruhe folgt er, dann sieht er was er sucht, weiß erneut es nicht zu schätzen gar zu halten, das spiel ‘einer ist keiner’ beginnt von vorne und in ihm glüht es, hinauf und herunter, vor und zurück, verzweifelt – doch sucht erneut nach glück findet es im ersten moment, und kapiert was er schon lange weiß, setzt sich nicht zu oft daneben, lernt endlich lektionen oder nur leben, geht seinem neuen ziel entgegen, nicht mehr allein, zweisam, gemeinsam doppelt die kräfte fließen, langsam träume sich vereinen und sprießen. trifft wieder auf die miesen, die, die seine ruhe ihm verdrießen, merkt aber das kann nicht sein und steht schon wieder allein. wird daraus nicht schlau, weiß aber genau, einer ist keiner und keiner ist weniger als einer alleine, alleine ist der einsame, der sucht das zweisame, driftet durch zeit und raum sitzt unter dem baum und träumt, trifft in sich exakt das leere, entleert den odem oder lehrt sich eines besseren und bäumt sich auf – weltenlauf besehend, nichts verstehend der inneren unruhe folgt er, dann sieht er was er sucht, weiß erneut es nicht zu schätzen gar zu halten, das spiel ‘einer ist keiner’ beginnt von vorne und in ihm glüht es, hinauf und herunter, vor und zurück, verzweifelt – doch sucht erneut nach glück findet es im ersten moment, und kapiert was er schon lange weiß, setzt sich nicht zu oft daneben, lernt endlich lektionen oder nur leben, geht seinem neuen ziel entgegen, nicht mehr allein, zweisam, gemeinsam doppelt die kräfte fließen, langsam träume sich vereinen und sprießen. trifft wieder auf die miesen, die, die seine ruhe ihm verdrießen, merkt aber das kann nicht sein und steht schon wieder allein. wird daraus nicht schlau, weiß aber genau, einer ist keiner und keiner ist weniger als einer alleine, alleine ist der einsame, der sucht das zweisame, driftet durch zeit und raum sitzt unter dem baum und träumt, trifft in sich exakt das leere, entleert den odem oder lehrt sich eines besseren und bäumt sich auf – weltenlauf besehend, nichts verstehend der inneren unruhe folgt er, dann sieht er was er sucht, weiß erneut es nicht zu schätzen gar zu halten, das spiel ‘einer ist keiner’ beginnt von vorne und in ihm glüht es, hinauf und herunter, vor und zurück, verzweifelt – doch sucht erneut nach glück findet es im ersten moment, und kapiert was er schon lange weiß, setzt sich nicht zu oft daneben, lernt endlich lektionen oder nur leben, geht seinem neuen ziel entgegen, nicht mehr allein, zweisam, gemeinsam doppelt die kräfte fließen, langsam träume sich vereinen und sprießen. trifft wieder auf die miesen, die, die seine ruhe ihm verdrießen, merkt aber das kann nicht sein und steht schon wieder allein. wird daraus nicht schlau, weiß aber genau, … noch nicht aufgegeben? Dann trink noch einen korn und beginn von vorn!

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D-MAILS, KOT UND KIEZNASEN

Seitdem ich in dieser Stadt lebe, sie liebe, entdecke ich trotz all meiner Umtriebigkeit oder wahrscheinlich genau wegen dieser von Neugierde behafteten Rastlosigkeit, fast täglich Neues. Manche Ereignisse sind nur für die Jugend neu und wir erleben diese als Retro. Schon schön, wenn es Dinge gibt, die uns als junge, stöbernde Menschen interessierten oder anmachten und nun die aktuelle Jugend wiederum diese Reize für sich auslebt und cool findet.

Leider gibt es mittlerweile einige Entwicklungen in Berlin, die mir aufstoßen. Umgangsformen, zwischenmenschliche, waren vor 20 bis 15 Jahren mit einer anderen Einstellung beseelt. Keiner fragte bist Du hetero- oder homosexuell, keiner quatschte dich schräg an, wenn Du mit Deiner Töhle am Damm warst, keiner monierte sich oder rief gar gleich die Polizei, weil ein Kreis Feierfreudiger etwas zu laut wurde. Ganz im Gegenteil, wenn eine Party war, schaute man auf ein oder mehrere Bierchen vorbei und lernte neue Leute kennen. So war es jedenfalls in Kreuzberg, Schöneberg, Charlottenburg und im Wedding. Das war unsere Normalität.

Heute kommt selten der Nachbar, sondern immer häufiger gleich die Vertretung der exekutiven Staatsmacht. Nicht weil die Langeweile haben, sondern, weil sie von doofen Anwohnern gerufen werden. Von Menschen zum Teil, die vor nicht all zu langer Zeit, sich selbst erdreisteten über die Stränge zu hauen. Von People, die hierher zogen, um sich hier zu verwirklichen und nun als gescheiterte Spießer in diesem Kiez vegetieren, sich aber als alte Kreuzberger bezeichnen. Von Neuberlinern, die ihre Provinzpossen, als Gentrifizierungs-beitrag mit im Gepäck haben. Von Wohnzombies. Und ebensolche scheinen es zu sein, die sich auch immer mehr leisten, einen blöde anzumachen.

Beispiel: Ich gehe mit meinen Hunden im Chamissokiez Gassi, klar freuen sie sich ihres Lebens und vor allem über die interessanten Neuigkeiten. D-mails checken, die in hormongeschwägerten Urintropfen mal an Hausecken, Laternenpfählen, Post- und Telekomkästen, vereinzelt herumflatternden Plastiktütchen etc. gesprüht wurden. Doc-Mails mit Informationen, deren Inhalt für uns, trotz aller Kommunikationstechnik, verschlüsselt bleibt. BND sichere Codes.

Meine Hunde haben noch nicht einmal den Rumpf in Stellung gebracht, um sich dem natürlichem Trieb des Ausscheidens zu ergeben, da schwäbelt mich einer aus dem Totenwinkel an: „Dass sie das ja sauber machen!“ Meist reagier ich mit einem ignoranten Verhalten, so wie wenn ein Lufthauch an einem vorbeizieht, was sich auch als sinnvoll erwiesen hat. Aber manche Personen fühlen sich dadurch erst recht aufgefordert einen weiter vollzutexten und dies dann auch noch in erzieherischer Tonlage. Entweder antworte ich: „Guten Tag kennen wir uns?“ Oder, wenn schon ärgerliche, unüberlegte Beleidigungen geäußert wurden, Berliner icke: „Ham’se keenen zuhause, den se anjölen können?“ Damit ist dann meist das Karussell für die assoziale Kommunikationsebene eröffnet. Langweilig, deren Inhalte, obwohl manche Formulierungen schon zum Schmunzeln einladen, hier nun wiederzugeben.

Ein immer ständiges Sakrileg ist, dass, wenn man nicht aufpasst, einer der Hunde an einen, der zur Verzierung installierten Pflanzentöpfe markiert, die oft in Kombination mit Bänkchen, jedoch am Häufigsten in Begleitung von Müll, in dieser Größe als Sperrmüll bekannt, vor Hausmauern vegetieren. Zwischen Ende Oktober und Mitte April ist die hauptsinnigste Aufgabe dieser Kübel, als Fastfood-Verpackungs Opferstöcke zu dienen. Oder direkt als Rattenfutterstellen, mit liebevoll zerbröckelten Brotresten bestückt. Wagt es jedoch ein Hund gleich welcher Rasse, Art oder Gesinnung, auf die dort verbriefte Botschaft zu reagieren, dann möge er und erst recht sein Besitzer sich bloß nicht dabei erwischen lassen. Diese frevelhafte Tat kann zu extremen Exzessen führen.

Erst neulich:
Wir waren noch keine drei Schritte von einem dieser Wintertrauerdekotöpfen entfernt, als eine erzürnte Dame im klassischen öko-lila-orange Wollfummel herausstürzte und mich darauf hinwies, dass ich ja meinen Hund mit der Leine von diesem Topf hätte wegzerren können. Ich schaute verdutzt auf, in die verkniffenen grauen Augen. Ihre verbitterte Mimik lies sie wahrscheinlich zehn Jahre älter aussehen als sie wahrscheinlich war. Wenn nicht, dann wäre sie locker über fünfundsechzig gewesen.

Ein lästiges Scharmützel meiner Erziehung, verlangt auch in solchen abartigen Situationen zu älteren Damen höflich zu bleiben. So entschuldigte ich mich: „Verzeihung, ich war wohl gerade abgelenkt und habe es leider nicht mitbekommen, tut mir Leid.“ Weiter erklärte ich: „Ich achte normalerweise immer darauf, dass meine Hunde nicht an Radfelgen, Töpfe etc. tröpfeln. Auch mache ich meinen Hundekot immer weg und trotzdem liegt so viel auf den Trottoirs.“ Ihr Blick wurde milder. „Naja, das kann schon mal vorkommen, dass man es übersieht, aber gesagt haben wollte ich es schon.“ „Klar, noch mal sorry,“ hörte ich mich reagieren. Ich war verwirrt, wußte aber nicht genau worüber. Darüber, dass ich mich so brav verhalten habe, trotz des verbalen Anblaffens oder darüber, dass ich mich wieder ungefragt von so einer habe anmachen lassen? Nein, ich war durcheinander, weil ich weiß, dass sie gar kein Recht hatte mich anzumeckern und ich es mir umkommentiert gefallen lies. Aus welchen juristischen Zusammenhang darf die das? Sie hat schließlich gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen, nicht ich und schon gar nicht meine Hunde und mein Kot ist es sowieso nicht.

Kotzen könnte ich über derart Bedrängung.

Jeder Gastronom muss für die Benutzung von öffentlichem Straßenland eine gebührenpflichtige Genehmigung erwirken und diese ökoverkleidete Sumpfkuh stellt ihre Behinderungsobjekte unerlaubt auf die Straße und pisst mich an, wenn Hunde diese für ihre Kommunikation nutzen. Ich habe doch nichts dagegen, wenn es Menschen gibt, die der Meinung sind, dass ihre Grünlandbemühungen eine Verschönerung des Straßenbildes darstellen. Meist jedoch fungieren sie als Dreckfänger von Straßenmüll, der durch verschiedene Winde und Wirbel den Bürgersteig entlang fliegt.

Also Freunde unterlasst es, wir Hundehalter sind nicht Freiwild, welches sich gefallen lassen muss von jedem angepöbelt zu werden. Seit Jahren wird es immer aggressiver, ich bin nicht der Spielball eurer Ungezügeltheit. Und genauso wenig, wie ich nicht im Kinderzimmer rauche, bin ich sozialkompetent genug, um meinen Verantwortungen als Hundehalter ohne Dumpfbackenkomentare nachzukommen. Und auch mich ärgert es, wenn Hundebesitzer den Kot nicht entsorgen und ebenso, dass jeder seine Essenreste auf die Straße oder in Pflanzenkübel wirft. Hört endlich auf die Ratten zu füttern, die bekommen weiß Gott genug. … Früher war bei Weitem nicht alles besser, aber hier im Kiez angenehmer. Wann entspannt es sich hier wieder? Dass das geht, habe ich vor Zeiten jahrzehntelang erlebt.

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Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn ich für Sie vor Ort lesen darf.
Ob Lyrik, Kurzgeschichten, Fantasystorys oder Auszüge aus
Dragonwulf und der König – ich bin mit Freuden bereit.

Sie können mich unter art@lehenstein.de gerne buchen

Alle Texte und Zeichnungen © by Ritter von Lehenstein